11. September – Rückblick & Ausblick

no climbHeute jähren sich die zweiten Anschläge auf das New Yorker World Trade Center, derjenige auf das Pentagon und der versuchten Anschlag auf das Weisse Haus in Washington zum 14ten Mal. Für meine Generation (damit meine ich jetzt die Ende der 1970er bis Mitte der 1980er Geborenen) war dies ein besonders prägendes Ereignis. Wir hatten das Glück in den goldenen 90er Jahren erwachsen zu werden. Den Kalten Krieg, die Angstmache vor der roten Gefahr und die ständige Angst vor dem apokalyptischen Atomkrieg hatten wir nicht mehr oder nur am Rande erlebt. In den 90ern herrschte Aufbruchstimmung, wir entdeckten und eroberten neue Welten, sei es in der Musik oder in den digitalen Weiten.

Die Anschläge am 11. September 2001 lösten grosse Umwälzungen aus und wurden von allen Seiten für alles Mögliche missbraucht. Wir leben heute in einer völlig anderen Welt. Zeit für einen Rückblick, um sich einen Überblick zu verschaffen, aber auch um zu versuchen zu verstehen wo die Reise hinführt und wie man damit umgehen könnte.

Egal wer die Anschläge damals tatsächlich begangen hat: Die US-Regierung unter George W. Bush hat diese zweifellos voll für Ihre Zwecke ausgenutzt. Er konnte den Nationen der Welt ein Ultimatum stellen: „Entweder Ihr seid für uns oder Ihr seid mit den Terroristen!“ und kam damit durch. Im ersten Schock wurden kaum kritische Stimmen laut. Das Mitgefühl mit den Opfern der Anschläge wurde als Zustimmung zu allerhand Gesetzesverschärfungen und Aktionismus missbraucht. Dem „Terror“ wurde der Krieg erklärt.

Widmung am Ende von Rambo 3: This film is dedicated to the brave muhahideen fighters of AfghanistanDie Taliban, welche man wenige Jahrzehnte noch glorreich gegen die Russen unterstützt und denen man in Rambo 3 ein heroisches Denkmal gesetzt hatte, hatten dummerweise Bin Laden Unterschlupf gewährt und rückten nun ins Fadenkreuz. Dass diese auch vorher schon Ihr Volk, insbesondere Frauen und Andersgläubige unterdrückten, hatte davor im Westen kaum jemanden gestört.

Nach den Anschlägen war der gesamte Luftraum der USA für Tage gesperrt worden. Wer ausreisen wollte, musste erst auf dem Landweg nach Mexiko oder Kanada reisen um weiter zufliegen. Dies war zwar nicht der Hauptgrund, aber doch der unmittelbare Auslöser des Swissair-Groundings. Später wurden in der Schweiz die bisher anonym zu erwerbenden SIM-Karten für Mobiltelefone nur noch nach Erfassung der Personalien zu erwerben. Auch für die neuen biometrischen Ausweise wurden an der Abstimmungsurne hauptsächlich über das Argument, ohne würde man nicht mehr ohne VISA in die USA einreisen können beworben. Heute muss zur Einreise trotzdem ein „ESTA„-Antrag gestellt werden und die Fingerabdrücke werden einem bei der Einreise weiterhin wie bei Verbrechern abgenommen.

USS Abraham Lincoln mit Mission Accomplished BannerAb 2002 wurden bis zu 779 Verdächtige und Kriegsgefangene in ein Konzentrationslager auf der exterritorialen Militärbasis in Guantanamo in Kuba gebracht. Ohne Rechtsmittel, weder nach der Haager Landkriegsordnung noch nach der Genfer Konvention als Kriegsgefangene anerkannt wurden diese Menschen, teilweise Minderjährige, aufs Schlimmste gefoltert und misshandelt. Bin Laden wurde nicht gefasst, kein einziger Gefangener bis heute je vor einem Gericht verurteilt. Trotzdem wurde 2003 unter fadenscheinigen Argumenten (die Chemiewaffen, respektive das dazu nötige Know-How der Iraker und der Syrer stammen aus den USA, dazu nötiges Material wurde aus verschiedenen westlichen Ländern importiert) auch noch eine alte Rechnung mit Saddam beglichen. Auch im Irak kehrte nach der Eroberung kein Frieden ein, obwohl George W. bereits im Mai grossspurig die Losung „Mission Accomplished“ ausgab.

2004 wurde über Fotos bekannt wie amerikanische Soldaten in einem Gefängnis in Abu Ghuraib „Unschuldige, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren„, wie US-Brigadegeneral Janis Karpinski die Insassen nannte, gefoltert, vergewaltigt und ermordet hatten. Bald darauf wurden auch die ersten Fälle von Folterflügen öffentlich, bei denen der CIA Verdächtige Personen aus Europa auf offener Strasse verschleppt und dann per Flugzeug über Ihre Militärbasen in Länder geflogen hatte, in denen diese ungestört gefoltert werden konnten.

Proud American HomeDie USA, welche ich noch im August 2001 zuletzt vor den Anschlägen besucht hatte, hatten sich bei meinem nächsten Besuch 2003 ebenfalls stark verändert. Klar, die USA waren nach europäischen Geschmack schon immer unangenehm patriotisch. Aber das blieb meist bei einer gewissen US-zentrischen Weltanschauung und dem Singen der Nationalhymne bei Sportanlässen. 2003 sah man vor fast jedem Haus, an vielen Fenstern und an Autos US-Flaggen und Sprüche wie „Proud to be an American„. Als ich 2005 in New York war, verkauften Strassenhändler an allen Ecken das Irak-Poker-Karten-Deck mit dem das Militär die Soldaten auf wichtige gegnerische Kader aufmerksam machten. Und die Soldaten-Patrouillen mit M16-Gewehr in den Bahnhöfen erinnerten einen stets daran, dass die USA ein Land im Kriegszustand waren. Auch am Flughafen Kloten trifft man in den letzten Jahren immer wieder Polizei-Patrouillen mit Maschinenpistolen an.

Nachfolgend einige Zahlen um den „Krieg gegen den Terror“ in Relation zu setzen:

Ausgewählte Gruppen von Todesfällen in den USA im Jahr 2001
2’955 Tote durch die Anschläge vom 11. September (2’726 NY, 184 DC, 45 PA)
ca. 11’348 Tote durch Schusswaffen (Suizide und Unfälle nicht mitgezählt)
ca. 42’196 Tote durch Verkehrsunfälle (nach den Anschlägen war die Zahl um ca. 1000 Tote hochgeschnellt, da Anfangs Flugverbot herrschte und danach etliche Leute Flugzeuge mieden)
ca. 553’768 Tote durch Krebs (wo bleibt da der „War on Cancer“? Ach ja, den hatte ja schon Richard Nixon 1971 erklärt…)
Kriegs-
beginn
Land Tote bisher
(Kriegsparteien und Zivilisten)
Flüchtlinge
2001 Afghanistan ca. 40’000 ca. 1’400’000
2003 Irak ca. 100’000 ca. 3’900’000 (davon 1’900’000 innerhalb des Landes)
2004 Pakistan ca. 3000 unklar

Share of arms sales of companies in the SIPRI Top 100 for 2013, by countryDie USA funktioniert nun seit Jahren als Kriegswirtschaft. Wachstum gibt es bei den Söldnerheeren, beste Umsätze für Waffenhersteller. Zudem ermöglichte die fortschreitende Automatisierung den breiten Einsatz ferngesteuerter Drohnen in Pakistan.

Ab 2008 traten die Bankenkrisen in den Vordergrund, das Totschlagargument lautete „Too Big To Fail“ und die Nationalstaaten mussten für die Schulden der Privatwirtschaft aufkommen, da die unsichtbare Hand des Marktes gerade streikte. Während im Westen die Occupy Bewegung für einige Schlagzeilen sorgte und trotz ihrer friedlichen Proteste mit autoritärer Härte bekämpft wurde und dennoch keine Änderungen in der Politik bewirken konnten, war der arabisches Frühling ebenfalls ab 2011 erfolgreicher. Hierzulande war man begeistert und es gelang verschiedenen Revolutionen gar die Machthaber zu stürzen. Dann folgte jedoch der Zerfall der Bewegungen und das Scheitern der Übergangsregierungen oder gar Bürgerkrieg wie in Libyen und Syrien. Der Bürgerkrieg in Syrien wurde inoffiziell auch von westlichen Staaten gefördert, jedoch bleibt al-Assad weiter an der Macht.

Kriegs-
beginn
Land Tote bisher
(Kriegsparteien und Zivilisten)
Flüchtlinge
2011 Libyen ca. 12’000 unklar
2011 Syrien ca. 250’000 11’600’000 (davon 7’600’000 innerhalb des Landes)
2014 Libyen (sic!) unklar ca. 430’000

Auch Russland blieb in all dieser Zeit nicht untätig. Bereits 1999 wurde unter dem ehemaligen Geheimdienstmann Putin ein zweiter Krieg in Tschetschenien begonnen und nach den Anschlägen vom 11. September konnte man interne Kritik mit dem Verweis auf Terrorismus wegwischen. Interne politische Gegenbewegungen wurden unterdrückt und im Ausland setzte man mehr und mehr auf verdeckte Methoden. Wobei sich um den Auslöser des Ukraine-Konfliktes, die Euromaidan-Bewegung auch Gerüchte ranken, diese wären von US- und EU-Diensten unterstützt worden. Es ist wohl noch zu frisch, als dass sich dazu ein endgültiger geschichtlicher Konsens bilden konnte.

Kriegs-
beginn
Land Tote bisher
(Kriegsparteien und Zivilisten)
Flüchtlinge
1999 – 2009 Tschetschenien ca. 80’000 unklar (die beiden Boston-Attentäter waren Flüchtlinge aus Tschetschenien)
2008 Georgien ca. 4’000 ca. 158’000
2014 Ukraine ca. 6’800 ca. 1’000’000

2015 ist ein Jahr der Quittungen

Griechenland erhielt den schwarzen Peter der Schuldenlast innerhalb der EU. Wie bitte? Ein demokratisch geführtes Land will sich keine Innenpolitik von anderen Ländern vorschreiben lassen? Noch ist nicht klar was Premier Tsipras doch noch zum Einknicken brachte. Und die raschen Neuwahlen dienen wohl auch dazu, dass sich im Volk kein neuer Widerstand bilden kann. Vorerst erhält die Eurogruppe noch was sie will, aber früher oder später muss die EU zu Ihrer Verantwortung stehen und gegenüber der gesamten EU-Bevölkerung zugeben, dass halt irgendjemand die Schulden der Banken von 2008 übernehmen muss und das auch die zu Lasten der reichen Nationen gehen muss. Andernfalls wird es den Staatenbund zerreissen.

Die ISIL in Syrien und dem Irak ist die Quittung für die US-Kriegstreiberei seit 2001. Die aktuelle „Flüchtlingswelle“ in die EU ist die daraus folgende Konsequenz. Und wenn man sich die Flüchtlingszahlen der Konflikte oben ansieht wird auch klar, das dies nur der Anfang ist. Die USA könnten sich ja etwas grosszügiger an den Unkosten beteiligen die sie verursachen und nicht nur symbolisch 1500 Asylbewerber aufnehmen.

Auch die aktuellen Konflikte in Niger und Mali entstanden durch verdrängte Truppen aus dem Libyen-Konflikt.

Ausblick

Die nächste Wirtschaftskrise steht bevor, denn China kann nicht ewig einen freien Markt vorgaukeln mit seinen Geisterfabriken und der maroden Infrastruktur. Die kürzlichen Schockwellen an deren Börse sind ein Symptom der dort wuchernden Spekulationsblase der Kleinanleger und Rentengesellschaften.

Der Erdölpreis konnte zwar von den arabischen Ölproduzenten erfolgreich in den Keller gedrückt werden um ihre Konkurrenten unter Druck zu setzen, aber das hat auch grosse Auswirkungen auf viele andere Rohstoffpreise. Dies alles trägt zu einer Destabilisierung der Marktsituation bei.

Derzeit scheinen die USA noch auf der Gewinnerseite zu stehen, sie sind jedoch selbst in ihrem wirtschaftlichen Fundament morsch. Auch hier ist die Infrastruktur völlig veraltet und neben der Rüstungsindustrie gibt es nicht viele gut laufende Wirtschaftszweige. Und die Informatik sorgt bekanntlich für weit weniger neue Arbeitsplätze als sie gleichzeitig vernichtet.

Zudem rollt die nächste Automatisierungswelle heran. Der klassische Systemadministrator wird immer mehr durch den DevOp, den Entwickler mit Automatisierungs-Know-How verdrängt. Und auch andere Mittelklasse-Jobs werden immer mehr durch nicht sonderlich intelligente Lösungen, die aber für vieles eben intelligent genug sind, ersetzt. Schliesslich könnte die Automatisierung aber auch als Chance genutzt werden, die arbeitsintensive Industrie zurück in die (zu) reich gewordenen Industrienationen zu holen.

Mittelfristig wird damit die Vollbeschäftigung immer weiter in Frage gestellt werden. Bereits heute arbeiten in der Schweiz nur noch ca. 50% der Bevölkerung. Ein grosser Teil des Problems sind hierzulande die stark steigende Zahl der Rentner (wobei ich es natürlich persönlich jedem Einzelnen gönne). Die Rentensysteme werden dadurch zum ständigen Zankapfel werden. Ob für meine Generation dereinst noch genug da ist um davon leben zu können? Früher oder später muss wohl eine alternative Lösung her, auch wenn sie vermutlich derzeit noch rundheraus abgelehnt wird.

3D-Brillen und VR-Welten könnten zur neuen, süchtig machenden Realitätsflucht werden für all die Menschen, die keine Perspektive mehr für sich in der physischen Welt sehen und die es sich leisten können.

Und wie könnte eine realistische Perspektive in der Raumfahrt aussehen? Die weitere Erkundung des Sonnensystems wird mit immer besseren Robotern stattfinden, während die bemannte Marslandung noch lange auf sich warten lassen wird. Die Roboter werden schneller verbessert als die Umweltkontrolle. Erst wenn wir die ISS (oder einen ihrer Nachfolger) so verbessert haben, dass das Einzige was noch teuer hochgeschossen werden muss, Treibstoff und frisches Personal sind, und vielleicht ab und an neues Gerät welches nicht vor Ort produziert werden kann, dann sind wir bereit für den nächsten Schritt. Und dabei sollten wir klein anfangen, mit einer dauerhaften Forschungsstation auf dem Mond vielleicht.

Und auch unseren eigenen Planeten dürfen wir in der Zwischenzeit nicht vernachlässigen, denn wir werden noch eine ganze Weile darauf leben und es gibt auch hier noch so viel zu lernen, unter den Meeren und in vielen abgelegenen Weltregionen.

Der Klimawandel geht nicht weg und er wird grosse Veränderungen mit sich bringen, vielleicht können einige wenige davon auch zum Vorteil genutzt werden. Wir sollten auf jeden Fall versuchen die Arbeit die eine Umstellung auf andere erneuerbare Energiequellen mit sich bringt zu nutzen um aus der nächsten Wirtschaftskrise zu finden.

Update vom 11.09.2015: Habe Quellen verlinkt und einige Zahlen und Zitate korrigiert (G.W. Bush: „Entweder Ihr seid für uns oder Ihr seid mit den Terroristen!“ statt „Ihr seid mit uns oder gegen uns!“).

Update vom 05.10.2015: Äh, ja schön, fällt das auch mal der Mainstream-Presse auf:

Nach Obamas Rede besorgten sich die CNN-Journalistinnen […] die Zahlen der durch Schusswaffen getöteten Amerikaner […]. Gezählt wurden alle Todesfälle, die sich auf amerikanischem Boden ereigneten, unter ihnen nicht nur Kriminalität wie Mord und Totschlag, sondern auch Unfälle und Selbsttötungen. In den 13 Jahren summierten sie sich auf die unglaubliche Zahl von 406.496. Das sind fast so viele Todesfälle wie im Straßenverkehr.

— Frankfurter Allgemeine Zeitung